Peer Counseling

Behinderte Menschen sind Experten in eigener Sache. Auf dieser Grundlage wurde die Beratungsmethode Peer Counseling (Betroffene beraten Betroffene entwickelt)

Ziel ist es, behinderte Menschen zu ermächtigen ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen und so weit wie möglich selbst zu regeln.

Peer Counseling (Betroffene beraten Betroffene)

  1. Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung
  2. Peer Counseling
  3. Perspektive
  4. Praxis

1. Die Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung

USA

In den 1960er Jahren erstritten sich einzelne Behinderte wie Robert Edwards, der auf die Nutzung eines Atemgerätes angewiesen war und die körperbehinderte Judy Heumann vor Gericht die Zulassung zum Studium an der Universität in Berkeley bzw. die Aufnahme in den Schuldienst.

Diese Erfolge gaben den bestehenden Gruppierungen behinderter Menschen Auftrieb, die sich gegen ihre Diskriminierung und für Chancengleichheit einsetzten. Die so entstehende Independent Living Bewegung setzte sich für eine

entsprechende Gesetzgebung ein, die in den folgenden Jahrzehnten entstand.

So enthält der „Americans with disabilities act“ (ADA, 1990) Regelungen für die Bereiche Arbeit, öffentliches Transportwesen, Telekommunikation und die Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden. Außerdem wurde ein Klagerecht für Privatpersonen und Interessenverbände eingeführt.

Zumeist im Umfeld von Universitäten -erstmals 1972 in Berkeley- entstanden die „Centers of Independent living (CILs). Hier erhalten behinderte Menschen Beratung und Unterstützung in den Bereichen Studium, Wohnen, Hilfsmittel, persönliche Assistenz durch selbst betroffene Berater.

Ziel ist ein Selbstbestimmtes Leben mit gleichen Chancen, emanzipiert von Wohltätigkeit und Fürsorge, Abhängigkeit und Dankbarkeit.

In den Centers of Independent Living entstand -systematisiert und optimiert aus den Beratungserfahrungen- das Peer Counseling als eigenständige Beratungsmethode.

Deutschland

Auch in Deutschland entstand eine emanzipatorische Behindertenbewegung. So entwickelten sich aus Gusti Steiners VHS Kursen in Frankfurt Aktionen und behindertenpolitische Forderungen. Bundesweit entstanden u.a. Krüppelgruppen und Gruppen für ein autonomes Leben Behinderter.

Aus der „Selbstbestimmt Leben Bewegung“ heraus wurden Zentren für selbst bestimmtes Leben gegründet, u.a. in Kassel, Köln, Bremen, Erlangen und Jena. Sie sollten Foren und Anlaufstellen für die Nöte Behinderter sein.

Die politischen Forderungen waren Mitbestimmung, Chancengleichheit, keine Aussonderung,die Wahlmöglichkeit, in der Gemeinde leben zu können. Beispielsweise benannte sich die Aktion Sorgenkind auf politischen Druck in Aktion Mensch um. 1993 wurde das Benachteiligungsverbot ins Grundgesetz auf-genommen. 2002 folgte das Behindertengleichstellungsgesetz.

Seit 1986 wird zunächst in den Zentren für Selbstbestimmtes Leben Peer Counseling von behinderten Beratern durchgeführt. Ziel ist ein Leben in mehr Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Würde.

1990 wurde dann als Dachverband die Interessenvertretung Selbstbestimmtes Leben Behinderter (ISL) gegründet.

Auch Menschen mit Lernschwierigkeiten beginnen sich zu organisieren.

Es gründeten sich Gruppen von Menschen mit „so genannter geistiger Behinderung“, sie nennen sich People First (Mensch zuerst).

2. Peer Counseling

Die Weiterbildung Peer Counseling wird von bifos e.V. (Bildungs-und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter) in Kassel angeboten.

Das Curriculum der Weiterbildung umfasst u.a. die Geschichte der Selbstbestimmt Leben Bewegung, Selbsterfahrung, Beratungsmethoden wie klientenzentrierte Gesprächsführung, sozialrechtliche Grundlagen, persönliche Assistenz und andere Schwerpunkte.

Ein Peer Counselor ist, wer seine Behinderung anerkennt und mit Hilfe problemlösender Techniken andere Behinderte berät.

Peer

Ein Peer im Sinne des Peer Counseling zu sein kann heißen, gleich oder ähnlich behindert zu sein und/oder gleiche oder ähnliche Erfahrungen als behinderter Mensch in dieser Gesellschaft gemacht zu haben. Dazu gehört es, ein Bewusstsein über die gesamte Bandbreite an Gefühlen zu haben, die man als behinderter Mensch erleben kann.

Die Beratung durch Peer Counseling ist unabhängig und parteilich für den Ratsuchenden. Zugrunde liegt ein positives Menschenbild, Es geht davon aus, dass jeder Mensch in der Lage ist, seine Probleme selbst zu lösen, wenn er die Gelegenheit dazu bekommt.

Problemlösende Techniken wie klientenzentrierte Gesprächsführung, Elemente aus der Systemtheorie und Persönliche Zukunftsplanung unterstützen den Beratungsprozess.

Modellrolle

Der behinderte Berater wirkt in seiner Modellrolle ermutigend und kann ein Vorbild sein.

Empowerment

Das chinesische Schriftzeichen für Krise bedeutet „Gefährliche Chance“. Wo sich die Gefahr auf den ersten Blick zeigt, erschließt sich die Chance nicht immer unmittelbar.

Ein Weg, dem Ratsuchenden zu helfen ist, etwas für ihn zu tun, z.B. eine Arbeitsstelle zu besorgen o.ä. Die Folge sind Dankbarkeit und ein Abhängigkeitsverhältnis.

Der andere Weg ist, jemanden zu unterstützen und zu befähigen, selbst aus der Krise herauszufinden. Das bedeutet für den Berater, jeden Schritt in der Beratung zu erklären, warum er andere Helfer oder Hilfen anbietet und wie sie gefunden wurden.

Er informiert über die Möglichkeiten und Grenzen der genannten Angebote.

Diese Vorgehensweise nennt man Empowerment, zu deutsch Befähigung oder Ermächtigung.

Dieser Begriff beinhaltet gleichermaßen Ziel und gewonnene Erfahrung. Sie lässt den Ratsuchenden stärker werden, auch im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen und Probleme.

Der Ratsuchende setzt das Ziel. In der Beratung werden Lösungsstrategien erarbeitet und Fähigkeiten (Ressourcen) aufgegriffen.

3. Perspektive

Peer Counseling kommt dem Bedürfnis vieler behinderter Menschen entgegen, ihre Erfahrungen an andere Betroffene weiterzugeben. Es wurde zur systematischen Beratungsmethode ausgestaltet. Peer Counseling entspricht dem Wunsch und dem Bedürfnis nach unabhängiger Beratung.

Peer Counseling entspricht als Beratungsmethode dem Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe, weg von Defizitdenken hin zu ressourcenorientierter Beratung.

Im Sinne von Peer Support können sich behinderte Menschen z. B. in Selbsthilfegruppen unterstützen.

Beraten behinderte Sozialarbeiter und Sozialpädagogen mit einer Peer Counseling Ausbildung, so verbinden sich sozialarbeiterische Fachkompetenz (insbesondere Sozialrecht und Kenntnisse der Hilfesysteme) mit den Grundsätzen des Peer Counseling zu einer ressourcenorientierten Beratung auf Augenhöhe.

Der Berufsverband Peer Counseling (BVP) besteht 10 Jahre. Er setzt sich für die Förderung des Peer Counseling, Qualitätsstandards und Fort- und Weiterbildung ein.

4. Praxis

Die „Integrative Beratungs – und Begegnungsstätte für Menschen mit Behinderungen“ in Bielefeld (Café 3 b) verbindet diese Grundsätze in seiner Arbeit seit über 12 Jahren.

Als Begenungs – und Freizeittreff bietet das Café 3 b Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, aber auch nichtbehinderten Menschen die Möglichkeit, sich zu treffen und miteinander bekannt zu machen. Zu den Freizeitangeboten gehören z. B. offene Treffs, ein Frühstückscafé, Kegeln, Wunschkino, Tagesausflüge und Gruppenfreizeiten.

Als Beratungsstelle bietet das Café Informationen aus einer Hand. Das Beratungsangebot richtet sich an behinderte Menschen, ihre Angehörigen und/oder Partner, an deren Vertrauenspersonen und an Interessierte. Die Beratung erfolgt inhaltlich unabhängig und im Sinne der Betroffenen. Sie wird umfassend sowie orientiert am individuell bestehenden Bedarf bzw. der persönlichen Lebenssituation des Ratsuchenden erbracht und nach den Prinzipien des Peer Counseling (Betroffene beraten Betroffene) durchgeführt. Gemäß dem Grundsatz „Behinderte sind Experten für die eigene Behinderung“ werden Behinderte unterstützt, sich mit der eigenen Behinderung auseinander zu setzen, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln, ihre Rechte durchzusetzen und die passenden Hilfen zu organisieren – selbstbestimmt zu leben.

Im Zentrum der Beratung stehen alle Fragen rund um das Thema Behinderung. Dies umfasst u.a. alle sozialrechtlichen Fragen, Aspekte wie Wohnen, Arbeit, Pflege, andere Hilfsangebote, Hilfsmittel, Reisen, Freizeit und psychosoziale Beratung, sowie die Beratung zum Persönlichen Budget.

Im Zusammenhang mit dem Persönlichen Budget berät und informiert das Café 3 b z. B. zu Fragen wie:

  • Was ist ein Persönliches Budget?
  • Für wen kommt ein Persönliches Budget in Frage?
  • Welche Möglichkeiten bietet ein Persönliches Budget

Beratung und Unterstützung zum Persönlichen Budget werden im Café 3 b außerdem zu folgenden Themen angeboten:

  • bei der Entscheidung
  • bei der Beantragung
  • bei der Gestaltung
  • bei der Umsetzung
  • bei Beschwerden

Dies beinhaltet u.a. Informationen über persönliche Assistenz, Pflege, Begleitung, Freizeitangebote und Fahrdienste.

Impulsreferat bei der Fachtagung Epilepsie am 26.09.2008

Karin Neuhöfer Februar 2009
(Café 3b)

Albrecht Diestelhorst
(SB Bethel)