Konzept

Beratungsangebote können im Leben von Menschen mit Behinderungen und von Behinderung bedrohten Menschen eine große Bedeutung haben. Über Beratung kann nicht nur der Zugang zu existentiellen Hilfe- und Kompensationsmaßnahmen erschlossen und gesichert werden, sondern sie bietet zugleich für die Ratsuchenden einen Weg, sich die eigenen Ziele und die persönliche Zukunftsperspektive bewusst zu machen. Umfassende lebenslagenorientierte Beratung unterstützt die Selbstbestimmung, Selbststeuerung und Selbsthilfe sowie die allgemeinen Handlungskompetenzen der Betroffenen.
Einen Zugang in die Beratung zu finden, stellt insbesondere für Menschen mit Behinderungen eine große Herausforderung dar. Niedrigschwellige Begegnungsangebote können hilfreich sein die Hemmnisse zu überwinden. Über die Teilnahme an den Begegnungsangeboten wird es Menschen mit Behinderungen im Austausch mit anderen Betroffenen ermöglicht, ihren Beratungsbedarf zu erkennen und einen individuellen Zugang in die Beratung zu finden.
Die Beratung von Menschen mit Behinderungen ist ein umfassender, auf die persönliche Situation des Ratsuchenden ausgerichteter Vorgang, der eine genaue Kenntnis der individuellen Lebenslage, der möglichen Unterstützungsleistungen (einschließlich rechtlicher Grundlagen und Voraussetzungen) und regionalen Rahmenbedingungen erfordert. Beratung ist ein Prozess der Prävention und Intervention, der mehrere Ebenen zu berücksichtigen hat:
• Vermittlung allgemeiner Informationen,
• Erschließung von eigenen Potentialen und Anknüpfung an Selbsthilfeorganisationen,
• Erschließung von Unterstützungsleistungen des gegliederten Sozialsystems,
• bei Bedarf eine längerfristige Unterstützung im Sinne perspektivischer Lebensbegleitung.
Für eine qualifizierte Beratung sind auf Seiten der Beratenden ein systemisches Verständnis und Casemanagementkompetenz notwendig. Ein Peer-Counseling-Ansatz ist im Sinne der hier angelegten Beratung förderlich und wünschenswert.
In der Diskussion um ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen hat sich ein Verständnis von Behinderung durchgesetzt, das Behinderung als gesellschaftliches Konstrukt bzw. „gesellschaftspolitisches Phänomen“ versteht. Menschen sind nicht behindert, sondern sie werden behindert. Sie sehen sich vielfältigsten Barrieren gegenüber, die das Leben ungleich aufwendiger machen und erhebliche Nachteile beinhalten. Hier gilt es im Sinne des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) Nachteile auszugleichen und dafür ggf. entsprechende Ansprüche geltend zu machen. In diesem Sinn muss das Recht von Menschen mit Behinderungen auf eine umfassende, selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft als zentraler Ausgangspunkt und Zielvorgabe für die Beratungsarbeit gesehen werden.


Unabhängige Beratung für Menschen mit Behinderungen
Mit dem Aufbau und der Etablierung der, durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung“ (EUTB) in Bielefeld entstand ein erweitertes Beratungsangebot im Café 3b. Die EUTB ergänzt die bisherigen Angebote der integrativen Beratungs- und Begegnungsstätte für Menschen mit Behinderungen (gefördert durch die Stadt Bielefeld), indem sie die vorhandenen Beratungskompetenzen so erweitert, dass ein, im Sinne des Landes NRW, allgemeines „beeinträchtigungsübergreifendes“ Beratungsangebot entsteht.
Ausgerichtet an den handlungsleitenden Grundsätzen der Parteilichkeit und Ganzheitlichkeit steht dieses unabhängige Beratungsangebot allen Menschen mit Behinderungen und von Behinderung bedrohten Menschen, ihren Vertrauenspersonen und Angehörigen sowie Mitarbeitenden von Einrichtungen und Diensten in der Stadt Bielefeld offen.
Die Beratung erfolgt im Schwerpunkt unter der Maßgabe „Betroffene beraten Betroffene“. Methodisch wird auf das bewährte, der Behindertenbewegung entstammende „Peer Counseling“ und die „Persönliche Zukunftsplanung“ zurückgegriffen. Diese Methodik wird mit sozialarbeiterischen Standards (systemische Beratung und Casemanagement) verbunden.


Methoden – „Peer Counseling und Persönliche Zukunftsplanung“
Das Beratungsangebot orientiert sich daran, Menschen mit Behinderungen Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit und Gestaltungskraft für die jeweils eigene Lebensführung zu ermöglichen.
Dabei sind folgende Aspekte von Bedeutung:
• Die Beratungsangebote berücksichtigen die Sichtweisen der Ratsuchenden und beziehen diese bei der Problemlösung aktiv mit ein.
• Die Beratungstätigkeit soll Menschen mit Behinderungen in die Lage versetzen, ihre aktuelle Lebenssituation zu analysieren und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Dabei sind die jeweils individuelle Lebenslage sowie die vorhandenen Hilfebedarfe angemessen zu berücksichtigen.
• Das „Problem Behinderung“ wird nicht individualisiert und/oder privatisiert. Vielmehr werden die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse sowie die biografischen Lebensumstände in den Beratungsprozess als sozialökologisches Element integriert.
• Die aktuelle Lebenssituation der Menschen mit Behinderungen muss dabei genauso in den Blick genommen werden, wie die Komplexität, die sich aus dem zergliederten Sozialleistungssystem ergibt. Nur so kann es im Bedarfsfall gelingen, die Ratsuchenden durch eine die prozessorientierte, lebenslaufbegleitende und perspektivische Beratung bei der Problembewältigung im Alltagsverlauf aktiv zu stärken.


Inhalte der unabhängigen Beratung
Die Beratungsstelle bietet eine persönliche, an der Biographie orientierte, professionelle Beratung, die Wahlmöglichkeiten eröffnet. Insbesondere geht es um:
• individuelle Unterstützung bei der Entwicklung von Kompetenzen zur Gestaltung von persönlichen Unterstützungssystemen
• Unterstützung beim Aufbau eines individuellen Hilfearrangements (durch Teilhabeplanung)
• Beratung zum Persönlichen Budget (§ 17 SGB IX bzw. § 27 SGB IX neu ab 01.01.2018)
• Unterstützung beim Umgang mit dem Persönlichen Budget
• Informationen über die in Bielefeld tätigen Selbsthilfegruppen und deren Angebote, sowie Hilfen zur Erleichterung des Zugangs in bestehende Gruppen
• Informationen über die ambulanten, teilstationären, stationären und komplementären Leistungsangebote für Menschen mit Behinderungen in Bielefeld
• Informationen zu individuellen Leistungsansprüchen, deren Kombinationsmöglichkeiten sowie zu der Beantragung von Leistungen bei Sozialleistungsträgern
• individuelle Unterstützung bei der Entscheidungsfindung für bedarfsgerechte Angebote
• Unterstützung bei der Beantragung von Teilhabeleistungen und bei der Kontaktaufnahme zu Angebotsträgern
• Unterstützung bei der individuellen Interessenvertretung gegenüber Sozialleistungs- und Angebotsträgern (Rechtsverwirklichungs- und Verbraucherschutzfunktion, Beschwerde-management).
Das Café 3b engagiert sich für eine konzeptionelle und personelle Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und -initiativen, um direkte Vernetzungsmöglichkeiten erschließen zu können. Es kooperiert in dem kommunalen Netzwerk mit den Angeboten anderer Träger und ist ständiges Mitglied im „Arbeitskreis Beratung und Selbsthilfe“. In das Netzwerk sind auch Reha-Träger eingebunden. Die Kooperation in dem Netzwerk ermöglich es dem Café 3b Anliegen von Ratsuchenden mit ihrem Einverständnis gezielt an die spezifischen Stellen weiterleiten zu können und „Beratungsketten“ zu bilden.
Alle beschriebenen Leistungen des Café 3b stehen auch Menschen mit Hörbehinderung (Gehörlose und Hörgeschädigte) offen. Mit der Integration der Beratungsstelle für Hörbehinderte der Stadt Bielefeld in das Café 3b im Jahr 2016 erhalten Menschen mit Hörbe-hinderung seitdem ein spezifisches Beratungsangebot, das auf ihre individuellen Bedarfslagen ausgerichtet ist und von einem selbst betroffenen Beratenden mit Gebärdensprachkompetenz durchgeführt wird.


Beratung und Assistenz zum Persönlichen Budget
Die Beratung und Assistenz zum Persönlichen Budget als eine Form der Leistungserbringung stellt einen wichtigen Aspekt der Beratungstätigkeit im Café 3b dar. Umfassende Aufklärung und Information für Menschen mit Behinderungen und ihre Bezugspersonen zu allen Bereichen des Persönlichen Budgets ist eine Voraussetzung für die Inanspruchnahme und wird vom Café 3b erbracht.
Ziel der Budgetberatung ist es, allen interessierten behinderten oder von Behinderungen bedrohten Menschen den Zugang zu dieser Leistungsform zu ermöglichen. Dabei setzt die Beratung bereits vor der Beantragung eines Persönlichen Budgets ein und kann bis zur Gewährung des Persönlichen Budgets in Anspruch genommen werden. Eine Beratung und Unterstützung nach Bewilligung des Persönlichen Budgets zur Einteilung und Nutzung des Persönlichen Budgets wird in Form von Budgetassistenz angeboten.
Budgetberatung und Budgetassistenz durch das Café 3b ist eine besondere Form der Lebensberatung, in der die persönliche Lebenssituation und die Lebenswelt des ratsuchenden Menschen im Mittelpunkt stehen. Die Beratung und Assistenz umfasst u.a. Fragen des Hilfe- und Unterstützungsbedarfs, Informationen über budgetfähige Leistungen, Informationen über direkte Teilhabeleistungen, Unterstützung bei der Antragstellung, Informationen über Leistungsanbieter, Unterstützung der Kontaktaufnahme mit Diensten, Beratung und Unterstützung bei der Budgetverwaltung.


Begegnungsangebote als Zugang zur Beratung
Das Konzept des Café 3b ist so angelegt, dass Begegnung und Beratung unter einem Dach stattfinden. Durch niedrigschwellige Begegnungsangebote wird der individuelle Zugang von Menschen mit Behinderungen in die Beratung systematisch erleichtert. Für Menschen ohne ein funktionierendes soziales Netz oder Einbindung in soziale Gruppen bedeutet dies eine wesentliche Unterstützung. Auch Menschen, denen es durch jahrelange Exklusion schwerfällt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, erfahren Hilfestellung, um aktiv an Begegnungs- und Beratungsangeboten teilzunehmen. Damit soll ein Prozess angeregt werden, die Menschen zu mehr Teilhabe, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit zu befähigen.
Das Café 3b informiert über das Angebot und Möglichkeiten der Kontakt- und Freizeitgestaltung in Bielefeld. Durch Freizeit- und Begegnungszentren, sowie offene, inklusive Freizeitangebote verschiedener Träger bestehen bereits diverse Angebote, die auch Menschen mit Behinderungen zur Verfügung stehen. Eine Aufgabe des Café 3b besteht an dieser Stelle darin, die eigenen Bedürfnisse und Interessen der Menschen aufzugreifen, sowie zu motivieren eigene Ressourcen zu nutzen. Der Zugang zu bestehenden Angeboten soll erleichtert werden, bzw. die Ratsuchenden unterstützt werden, die Angebote in Anspruch zu nehmen. Menschen mit Behinderungen sollen perspektivisch so weit wie möglich in die Lage versetzt werden ihre Freizeit selbst und mit anderen Menschen zu gestalten.
Um die Angebotsvielfalt weitergehend für Menschen mit Behinderungen zu erweitern, kooperieren die Mitarbeitenden des Café 3b mit den Trägern der Begegnungs- und Freizeitangebote. Sie unterstützen die Träger in der Ausrichtung der möglichst inklusiven Angebote, sensibilisieren für Zugangsbarrieren und stehen bei der Konzipierung neuer Angebote beratend zur Verfügung. Um Angebotslücken für Menschen mit Behinderungen zu schließen besteht auch die Möglichkeit gezielte Angebot bedarfsorientiert durch das Café 3b anzubieten.
In der Ausrichtung der Begegnungs- und Beratungsangebote verfolgt das Café 3b das Ziel, auch Menschen mit Behinderungen und von Behinderung bedrohte Menschen zu erreichen, die nicht die Räumlichkeiten des Café 3b aufsuchen können oder wollen. In Kooperation mit den benannten Trägern von Begegnungs- und Freizeitangeboten, sowie nach Abstimmung mit Quartiersmanager/innen, Sozialarbeiter/innen und Anbietern von zielgruppenspezifischer Beratung, werden die Angebote des Café 3b sozialräumlich ausgerichtet. Eine wohnortnahe Verortung in einzelnen Stadtteilen erleichtert den Zugang für Menschen mit Behinderungen. Durch Netzwerkarbeit und die Bündelung von Informationen können die Mitarbeitenden den Ratsuchenden Wege aufzeigen in ihrem persönlichen Sozialraum möglichst barrierefrei zu agieren.
Die Mitarbeitenden für die Kontakt- und Begegnungsarbeit des Café 3b sind regelmäßig im Café 3b vor Ort, um als Ansprechpartner und Anlaufpunkt für Menschen mit Behinderung zur Verfügung zu stehen. Diese erhalten im Café 3b die Möglichkeit zum Austausch und zur Begegnung mit anderen Betroffenen durch Gruppenangebote, die von den Mitarbeitenden begleitet werden. Es handelt sich bei den Gruppenangeboten nicht um wiederkehrende Angebote zur Freizeitgestaltung, sondern konzeptionell stehen auch hier das Empowerment, Hilfen zur Selbsthilfe und die Ausrichtung in den Sozialraum im Vordergrund.

Leistungen der Beratungs- und Begegnungsstätte Café 3b und EUTB
Mit der EUTB konnten die vorhandenen Beratungskapazitäten und Leistungen im Café 3b ausgebaut werden. Die Beratungs- und Begegnungsstätte richtet sich seitdem möglichst wohnortnah und barrierefrei aus. Schrittweise werden die beschriebenen Leistungen an unterschiedlichen Beratungsstandorte in Kooperation mit anderen Trägern auf- und ausgebaut:
• Angebot für Bielefelder Bürger/innen am Standort Café 3b / Feilenstraße
• Angebot von Sprechstunden und Begegnungsangeboten in einzelnen Stadtbezirken, in möglichst schon etablierten Räumlichkeiten (z.B. Begegnungs- und Freizeitzentren)
• Die Beratungsleistungen werden * persönlich * telefonisch oder online erbracht unter Einsatz unterstützender Medien und Dienste (wie z. B. Gebärdendolmetscher-Dienst, TESS, Skype, etc.)

* begleitend (z. B. bei Behördengang, im Hilfeplanverfahren oder im Zugang zu Freizeitangeboten )

* auf Wunsch und bei Bedarf auch aufsuchende Beratung in den Haushalten der
Ratsuchenden

Personelle Ausstattung
Die Beratungs- und Begegnungsangebote des Café 3b sind mit der Erweiterung durch die EUTB für die Dauer der befristeten Laufzeiten personell mit insgesamt 4,65 Vollzeitstellen ausgestattet. Die Stellen sind im Schwerpunkt mit Sozialarbeiter/-innen bzw. Sozialpädagogen/-innen besetzt, die selbst von Beeinträchtigung oder Behinderungen betroffen sind und sich als Peer Counselor/in qualifiziert haben bzw. in Qualifizierung begriffen sind.
Diese personelle Ausstattung sichert im Beratungsprozess die erforderliche Fachlichkeit für die von Behinderungen betroffenen Menschen, die durch die Beratenden mit Behinderungen selbst oder durch Tandems mit weiteren Beratenden sichergestellt wird.


Trägerschaft und Organisation
Der Trägerverein Café 3b e.V. ist die Plattform für eine Zusammenarbeit von Bielefelder Bürgerinnen und Bürgern und des Vereins „Integrative Beratungs- und Begegnungsstätte für Behinderte e.V.“ sowie des Stiftungsbereichs Bethel.regional der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Der Verein ist insbesondere offen für die Aufnahme weiterer Initiativen und Organisationen der Selbsthilfe, um die Trägerschaft für die Beratungs- und Begegnungsstelle weiter zu verbreitern und ihre Unabhängigkeit zu sichern.
Verabschiedet am 02.09.2019
Vorstand Trägerverein Café 3b